Lara Casper

Die Evangelische Kirche in Zorn
Der heutige barocke Bau entstand 1740/41 auf den Grundmauern einer älteren Kirche. Hinter seinem vergleichsweise schlichten Äußeren birgt der Kirchenraum eine bemerkenswerte Ausstattung: eine historische Orgel von Johann Wilhelm Schöler aus dem Jahr 1772, eine ältere barocke Kanzel, farbenprächtige Emporenmalereien und ein außergewöhnliches Stuckwappen des schwedischen Königs und hessischen Landgrafen Friedrich I.

Geschichte der Kirche
Die ältere Zorner Kirche war zu Beginn des 18. Jahrhunderts so baufällig geworden, dass ein Neubau notwendig wurde. In den Jahren 1740 und 1741 entstand der heutige Kirchenbau. Er besteht aus einem kleinen Kirchenschiff mit dreiseitigem Schluss und trägt ein Mansarddach mit Haubendachreiter. Der Innenraum wird von einer flachen Tonnendecke überspannt.
Die Entstehung der Kirche fällt in die Regierungszeit Friedrichs I. von Schweden, der zugleich Landgraf von Hessen-Kassel war. An diese für die Region außergewöhnliche Verbindung mit dem schwedischen Königshaus erinnert noch heute eines der bedeutendsten Kunstwerke der Kirche.

Die barocke Kanzel
Auch die kunstvoll gearbeitete Kanzel ist älter als der heutige Kirchenbau. Sie wird in älteren Beschreibungen als „Kanzel mit Intarsien, um 1700“ bezeichnet; auf ihrem Schalldeckel findet sich die Jahreszahl 1712.
Die Kanzel ist mit Einlegearbeiten und gedrehten Säulen geschmückt. Ihre genaue Herkunft konnte bislang nicht abschließend geklärt werden. Da sie bereits vor dem Neubau von 1740/41 entstanden ist, könnte sie aus der Vorgängerkirche übernommen worden sein. Ebenso ist denkbar, dass sie ursprünglich für eine andere Kirche geschaffen wurde. Eine früher zur Kanzel gehörende Taube befindet sich heute an anderer Stelle im Kirchenraum.

Wiederentdeckte Bauernmalereien
Zu den reizvollsten Besonderheiten der Zorner Kirche gehören die historischen Malereien an den Emporen und weiteren Holzteilen des Kirchenraums. Über viele Jahrzehnte waren große Teile dieser ursprünglichen Ausmalung unter späteren Farbschichten verborgen. Erst während der Restaurierungsarbeiten von 1984/85 wurden sie wiederentdeckt. Untersuchungen ergaben, dass sich stellenweise bis zu zwölf Farbschichten über den ursprünglichen Malereien befanden. In mühevoller restauratorischer Arbeit konnten Blumenornamente und weitere historische Fassungen wieder freigelegt beziehungsweise rekonstruiert werden. Auf der Ostempore befinden sich unter anderem Darstellungen von Jesus Christus und den Aposteln. Gemeinsam mit den historischen Farben des Orgelprospekts vermitteln diese Malereien heute wieder einen Eindruck davon, wie farbenreich der Kirchenraum ursprünglich gestaltet war.

Das königlich-schwedische Wappen
Im Chorraum befindet sich ein großes, farbig gefasstes Stuckwappen Friedrichs I. Es entstand im Zusammenhang mit dem Kirchenbau und wird von zwei goldenen Löwen getragen und von der schwedischen Königskrone bekrönt.
Das Wappen verbindet schwedische und hessische Herrschaftssymbole und dokumentiert auf eindrucksvolle Weise die damalige Verbindung zwischen dem Königreich Schweden und der Landgrafschaft Hessen-Kassel.
Bei der umfangreichen Kirchenrenovierung 1984/85 wurde das Wappen von späteren Übermalungen befreit. Für seine vollständige Restaurierung waren jedoch zusätzliche Mittel erforderlich. Der damalige Kirchenvorstand wandte sich deshalb an König Carl XVI. Gustaf von Schweden. Über das Kuratorium für schwedisches Kulturgut im Ausland wurde schließlich ein Zuschuss in Höhe von 25.000 schwedischen Kronen bewilligt. Mit dieser Unterstützung konnte das historische Wappen restauriert werden. Eine Tafel im Kirchenraum erinnert bis heute an die Unterstützung durch das schwedische Königshaus.

Die Schöler-Orgel von 1772
Ein herausragendes Ausstattungsstück und zugleich das musikalische Herz der Kirche ist die historische Orgel.
Im Jahr 1771 wurde der Orgelbauer Johann Wilhelm Schöler aus Bad Ems (1723–1788) mit dem Bau eines neuen Instruments beauftragt. Bereits 1772 konnte die Orgel fertiggestellt werden. Sie erhielt ursprünglich elf Register und wurde auf der Ostempore in das barocke Orgelgehäuse eingebaut.
Die Orgel hat im Laufe ihrer Geschichte zahlreiche Veränderungen erlebt. Im Ersten Weltkrieg wurden 1917 Teile des Pfeifenbestandes zur Gewinnung von Metall abgegeben. 1952 erfolgte eine Renovierung durch den Orgelbauer Eppstein aus Weilmünster.
Nachdem sich erneut technische Mängel gezeigt hatten, wurde das Instrument in den 1970er-Jahren restauriert und 1980 wieder in Dienst genommen. Während der Kirchenrenovierung 1984/85 musste die Orgel zum Schutz vor Staub und Beschädigungen vollständig abgebaut werden und wurde anschließend nochmals überholt.
Auch das Orgelgehäuse selbst birgt eine Besonderheit: Im Zuge der Restaurierung wurden historische Rosenornamente freigelegt, die jahrzehntelang unter späteren Farbschichten verborgen gewesen waren.

Die Glocken
Auch die Geschichte des Zorner Geläuts reicht weit zurück. Beim Neubau der Kirche 1740/41 wurden Glocken aus dem älteren Kirchengebäude übernommen. Das damalige Geläut bestand aus drei Glocken. Besonders bemerkenswert war die sogenannte Evangelistenglocke, deren Schriftform nach historischen Untersuchungen auf eine Entstehung bereits im 14. Jahrhundert schließen lässt. Während des Ersten Weltkriegs wurden zwei Glocken eingezogen. 1922 erhielt Zorn drei neue Glocken der Glockengießerei Rincker in Sinn. Im Zweiten Weltkrieg mussten erneut zwei Glocken abgegeben werden. 1950 wurde das Geläut wieder auf drei Glocken vervollständigt. Zwei neue Glocken wurden wiederum bei Rincker gegossen und am 26. März 1950 der Kirchengemeinde übergeben. Eine besondere Würdigung erfuhr das Zorner Geläut am 9. März 1968, als die Glocken im Hessischen Rundfunk erklangen.

Besichtigung
Die Kirche in Zorn und die Backhaus-Kapelle in Algenroth sind nach den Gottesdiensten zu besichtigen oder nach telefonischer Vereinbarung mit dem Evangelischen Gemeindebüro 06124 702713.