Dr. Martina Bleymehl-Eiler
Martin-Luther-Kirche
Ältestes Gotteshaus in Bad Schwalbach ist die evangelische Martin-Luther-Kirche. Ihren Namen erhielt sie 1933 aus Anlass des 450. Geburtstags des Reformators. Bis 1527, als Landgraf Philipp von Hessen in seinem Herrschaftsgebiet die lutherische Lehre einführte, war die Kirche der Gottesmutter Maria geweiht.
Aus der Entstehungszeit der Kirche liegen keine Quellenzeugnisse vor. Die Jahreszahl 1471, die außen über der kleinen Pforte an der Südwand des Chors eingehauen ist, lässt darauf schließen, dass zumindest dieser Teil der Kirche im genannten Jahr begonnen oder fertiggestellt wurde. Da im Chor die Wappen des damals regierenden Grafen Philipp I. von Katzenelnbogen und seiner Frau Anna von Württemberg zu finden sind, hat sehr wahrscheinlich das Ehepaar die Kirche gestiftet.
Der Turm wurde, folgt man dem Datum über dem Zugang zum ersten Obergeschoss, 1512 vollendet.
Gesicherte Angaben zur Baugeschichte liegen erst aus dem 19. Jh. vor. Nach einem Blitzeinschlag am 12. August 1822 besichtigte eine Baukommission der herzoglich-nassauischen Regierung die Kirche. Die Schäden am Dach waren groß. Weit gravierender waren aber die Schäden, die die Kommission am Mauerwerk des Schiffs feststellte. An der Nordseite war über Jahrzehnte Erde von dem angrenzenden Friedhof aufgeschüttet worden. Eindringende Nässe hatte das Mauerwerk zersetzt, die Wände waren von Schimmel überzogen, der Holzfußboden unter den Bänken teils vermodert. Durch das mit Holzschindeln gedeckte und seit Jahrzehnten löchrige Dach waren Regen
und Schnee eingedrungen. Die Nässe hatte dem Gebälk und dem Gewölbe des Schiffs derart zugesetzt, dass Einsturzgefahr bestand. Die Kirche wurde daher 1826 geschlossen.
Die Regierung stufte intern das Gebäude als „nicht erhaltenswert“ ein: Die Sanierung war zu teuer, auch war die Kirche für einen
aufstrebenden Kurort zu klein und nicht repräsentativ genug. Zudem lag sie weitab der Kuranlagen am unteren Ende der Stadt.
Streit um den Erhalt der Kirche
Als sich herausstellte, dass auch die zweite evangelische Kirche in der Stadt, die vor der „Idsteiner Union“ 1817 der reformierten Gemeinde gehörte, ebenfalls saniert werden musste, wollte die Regierung nun beide Kirchen abreißen lassen. Stattdessen plante sie in der Stadtmitte ein neues Gotteshaus. Als die Absichten der Regierung publik wurden, kam es in der Bevölkerung zu wütenden Protesten. Um Unruhen zu vermeiden, willigte die Regierung schließlich widerstrebend in den Erhalt beider Kirchen ein.
Radikale Umgestaltung
Nach vielen Streitigkeiten um die Beteiligung an den Kosten begannen Ende 1835 die Arbeiten. Sie veränderten das Aussehen des gotischen Bauwerks nachhaltig. Die bereits lange eingestürzte Sakristei wurde abgerissen. Ob es sich bei der Sakristei um jenen Anbau am Turm handelt, der auf einer Zeichnung aus dem Jahr 1635 zu sehen ist, lässt sich derzeit nicht klären. Hier kann nur die Bauforschung Aufschluss geben.
Im Frühjahr 1836 wurde die Kirche leergeräumt und der Dachstuhl über dem Schiff und dem Chor abgetragen. Das Tonnengewölbe über dem Schiff wurde abgebaut, die noch brauchbaren Steine auf dem Friedhof aufgeschichtet. Die völlig marode Nordwand des Schiffs musste abgerissen und neu aufgemauert werden. Da alle Wände des Schiffs um rund 1,8 Meter höher gezogen werden sollten, um die Proportion des Raums zu verbessern, waren alle Grundmauern und die Stützpfeiler zu unterfüttern. Für den neuen Haupteingang wurde die Mauer der Südseite des Schiffs durchbrochen. Gleichzeitig ließ die Bauleitung die Fenster des Schiffs deutlich vergrößern. Danach setzte man das Tonnengewölbe wieder auf und verkleidete es mit einer Bretterdecke.
Die Umsetzung der Orgel von der Empore in den Chor und der Einbau zweier Seitenemporen schufen Platz für zusätzliche Kirchenbänke. Die Gänge und der Chor wurden erstmals vollständig mit Sandsteinplatten ausgelegt und unter den Bänken ein neuer Dielenboden eingezogen. Anzunehmen ist, dass damals auch Teile der Decke und der Wände jene historisierende Ausmalung bekamen, die in einer Beschreibung aus dem Jahr 1871 erwähnt wird.
Das Kreuzrippengewölbe des Chors blieb unverändert. Da dort die Orgel ihren neuen Platz erhielt, wurden allerdings zwei Fenster
zugemauert und dafür zwei Fenster weiter zur Mitte hin neu gebrochen.
Den alten Holzaltar ersetzte man durch einen gemauerten Backsteinsockel, auf den eine vorhandene Sandsteinplatte gelegt wurde.
Alle Wände wurden brusthoch mit den noch verwertbaren Resten der alten Holzverkleidung getäfelt. Türen und Türbeschläge waren zum Teil nicht mehr brauchbar und mussten erneuert werden. Welche Teile im Einzelnen ersetzt beziehungsweise wiederverwendet wurden, ist nicht mehr nachzuvollziehen.
Im Frühjahr 1839 wurde das Schieferdach des Turms teilweise erneuert und die verfallenen Ecktürmchen neu aufgebaut. Abschließend erhielt die Kirche außen einen neuen Verputz und einen gelben Anstrich. Die feierliche Wiedereinweihung erfolgte 1840. Baulich wurden seit dieser Zeit keine Veränderungen mehr vorgenommen.
Instandsetzungsarbeiten im 20. Jh.
Eindringende Nässe schädigte immer wieder die zur Hangseite gelegene Nordwand des Kirchenschiffs. 1930 waren daher umfassende Isolierarbeiten an den Fundamenten notwendig geworden, ebenso 1956–1961 und zu Beginn der 1990er-Jahre.
Anlässlich der Renovierungsarbeiten 1930 ließ die Kirchengemeinde die vorhandene Ausmalung übertünchen. Sie galt als nicht mehr zeitgemäß. Eine Elektro-Heizanlage ersetzte die alte Ofenheizung mit ihrem störenden Abzugsrohr. Da die Heizkraft nicht ausreichte, wurde 1961 eine effizientere Warmluftheizung unter den Bänken eingebaut. Im gleichen Jahr entfernte man auch die durch Feuchtigkeit beschädigte Holzvertäfelung an den Wänden.
Bei der Sanierung 1990 wurden Bodenbelag und Windfang ausgebessert und die Decke des Schiffs repariert.
Innenausstattung
Eine Orgel ist erstmals 1668 nachgewiesen. Es handelte sich um ein gebrauchtes Instrument aus der Idsteiner Unionskirche. Ursprünglich an der Seitenwand neben der Kanzel eingebaut, wurde die Orgel 1682 in die Mitte des Chors versetzt. Die neue Orgel von 1769/71, erbaut von Johann Wilhelm Schöler, hatte bis zum Umbau 1836 ihren Platz auf der eigens dafür eingezogenen Empore an der Turmseite. 1840 wieder im Chor eingebaut, wurde die inzwischen mehrfach reparierte Orgel 1927 durch die Firma Walcker/Ludwigsburg komplett erneuert. Das barocke Orgelgehäuse blieb erhalten. Temperaturschwankungen und Feuchtigkeit fügten dem Instrument in den folgenden Jahrzehnten irreparable Schäden zu, die Orgel war seit 1961 nicht mehr bespielbar. Anfang der 1970er-Jahre beschloss die Kirchengemeinde als Übergangslösung den Ankauf einer elektronischen Orgel. Ende der 1980er-Jahre ergab sich die günstige Gelegenheit, eine gebrauchte Orgel der bekannten Orgelbauer-Firma Stumm aus dem Jahre 1846 zu erwerben. Die Orgel, die nun wieder auf der Empore ihren Platz fand, wurde 1992 mit einem Festgottesdienst eingeweiht.
Der Taufstein mit gotischem Maßwerk entstand um 1480. Sein achteckiger Fuß ist erneuert. Der zuvor als Blumenkübel genutzte Stein wurde bei der Renovierung der Kirche 1930 aufgestellt.
An den Seitenwänden hängen Holztafeln mit Malerei in Grisaille-Technik, d. h. mit Malerei ausschließlich in Grau, Weiß und Schwarz. Sie zeigen Motive in Anlehnung an die Kleine Passion von Albrecht Dürer. Die um 1650 entstandenen und zuletzt 1990 restaurierten Tafeln hatten Privatpersonen gestiftet. Ursprünglich waren die Tafeln Bestandteil der Holzverkleidung im Chor.
Die Kanzel aus der Zeit um 1670/80 erhielt beim Umbau 1838 den heutigen Platz. Das Schnitzwerk im Schalldeckel wurde damals ergänzt und die Füllungen teilweise erneuert.
Rechts von der Kanzel ist das Ehrenmal für Johann Gottfried von Berlichingen zu sehen. Er starb 1588 während eines Kuraufenthaltes
in Schwalbach. Beigesetzt ist er in seiner Heimat Neuendetten bei Mannheim. Das Ehrenmal in reicher, detailreicher Bearbeitung führte der Mainzer Bildhauer Jacob Major aus.
An den Wänden befinden sich Gedenksteine aus dem 17. und 18. Jh. für Schwalbacher Bürger und hier verstorbene Kurgäste.
Im Chor
Aus der Entstehungszeit des Chors ist noch ein Sakramentshäuschen erhalten. Über dem neuzeitlichen Gitter ist das Schweißtuch der Veronika dargestellt, darüber – teilweise zerstört – die Wappen der Stifter Graf Philipp I. von Katzenelnbogen (links) und seiner Frau Anna von Württemberg (rechts).
Der Schlussstein im Gewölbe zu den Fenstern hin zeigt das Allianzwappen des Stifterehepaars. Der Schlussstein in Richtung Kirchenschiff zeigt gold auf blauem Grund den nassauischen Löwen. Es ist ein Hinweis auf die Neugestaltung der Kirche in herzoglich-nassauischer Zeit.
Das Gemälde mit Darstellung der Kreuzigung Christi wurde mit Ölfarbe auf Holz Mitte des 17. Jh. von einem unbekannten Maler erstellt. Die Bildunterschrift nennt als Stifter Joh. Nikolaus Wagner.