Dr. Martina Bleymehl-Eiler
Reformationskirche
Die in der Adolfstraße 34 gelegene Kirche diente ursprünglich der reformierten Gemeinde als Gotteshaus. Mit der „Idsteiner Union“ von 1817 wurde auf staatliche Anweisung die lutherische und reformierte Konfession zu einer gemeinsamen evangelischen Landeskirche zusammengefasst. Der evangelischen Gemeinde Bad Schwalbach gehören seither zwei Kirchen: Die am unteren Ende der Stadt liegende Martin-Luther-Kirche in der Adolfstraße 145 und die Reformationskirche. Auch diese erhielt 1933 anlässlich der 450. Wiederkehr des Geburtstages des Reformators Martin Luther den heutigen Namen.
Seit 2005 dient die Reformationskirche zusammen mit dem angebauten Gemeindezentrum als zentrale Begegnungsstätte der evangelischen Kirchengemeinde.
Die Anfänge der reformierten Gemeinde
Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648 siedelten sich rund 50 Familien reformierten Bekenntnisses in Bad Schwalbach und den umliegenden Dörfern an. Sie kamen als Glaubensflüchtlinge aus dem kurkölnischen Rhens, wo ihnen die öffentliche Religionsausübung untersagt worden war.
Anfangs besuchten diese Familien die reformierten Gottesdienste, die im Sommer für die Kurgäste stattfanden. 1680 gestattete der hier regierende Landgraf Ernst von Hessen-Rheinfels den Reformierten die Anstellung eines eigenen Pfarrers. Die Gottesdienste fanden an seinem Amtssitz in Kemel statt. 1686 erreichten die in Bad Schwalbach wohnenden Familien, dass der Pfarrer auch Gottesdienste vor Ort hielt. Da es keine reformierte Kirche gab, gestattete die Obrigkeit der Gemeinde, ihre Gottesdienste in der lutherischen Kirche, der heutigen Martin-Luther-Kirche, abzuhalten.
In Glaubensfragen tief gespalten, konnten sich die beiden Konfessionen nicht über ein friedliches Miteinander bei der Nutzung des Kirchengebäudes einigen. Nach jahrelangen erbitterten Streitigkeiten genehmigte die landgräfliche Verwaltung der reformierten Gemeinde den Bau einer eigenen Kirche.
Nach zehnjähriger Bauzeit weihte die Gemeinde die aus Spenden finanzierte Kirche 1740 ein. Der schlichte Saalbau mit Walmdach war zu diesem Zeitpunkt erst notdürftig hergerichtet. Erst neun Jahre später waren die Bauarbeiten mit dem Anbringen des Dachreiters abgeschlossen. Über die Innenausstattung im 18. Jh. ist nichts bekannt. Sie dürfte, wie in reformierten Kirchen üblich, sehr schlicht gewesen sein.
Erste Umgestaltung
Nach der „Idsteiner Union“ 1817 entbrannte eine heftige Diskussion über die weitere Nutzung des sanierungsbedürftigen Gebäudes. Die Regierung plante den Abriss der beiden vorhandenen evangelischen Kirchen und erstellte bereits den Plan zum Bau einer neuen Kirche in der Stadtmitte. Nach heftigen Protesten der Bevölkerung, die beide Kirchen behalten wollte, gab die Regierung nach. Da die Schließung der ehemaligen lutherischen Kirche wegen Baufälligkeit abzusehen war, drängte die Regierung 1825 darauf, die ehemals reformierte Kirche rasch herzurichten, da bis auf Weiteres den rund 1500 Gemeindemitgliedern nur noch eine Kirche zur Verfügung stehen würde.
Mit dem Einbau der beiden Seitenemporen erhöhte sich die Zahl der Sitzplätze. Da die Emporen die Fenster teilweise verdeckten, mussten diese vergrößert werden, um mehr Licht zu erhalten. Die neu eingezogene gewölbte Bretterdecke kaschierte das bis dahin sichtbare Dachgebälk. Mit einer brusthohen Vertäfelung der Wände wertete man den Innenraum auf.
Umfassende Modernisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Bis zum Ende des 19. Jh. stieg die Zahl der Kurgäste in Bad Schwalbach stark an. In den Sommermonaten war die Kirche überfüllt, da die Kurgäste wegen der Nähe zum Kurviertel lieber hier den Gottesdienst besuchten als den weiten Weg zur „unteren“ Kirche anzutreten. Der Platzmangel zwang die Gemeinde 1902/1903, eine grundlegende Umgestaltung des Gebäudes vorzunehmen.
Zur Stadtseite wurde der Eingang verbreitert. Die 1825 eingebauten, schmalen Emporen an den Seitenwänden wurden wieder entfernt, da sie die Kirche verdunkelten. Stattdessen wurde gegenüber dem Altarraum unter der Orgel eine große, zusätzliche Empore eingezogen. Neue, durchgehende Bankreihen im Kirchenschiff boten mehr Sitzplätze, da der Mittelgang entfiel. Die Konfirmanden nahmen nun im Altarraum Platz. Die Fensterlaibungen und Wände wurden historisierend ausgemalt. Anzunehmen ist, dass in diesem Jahr auch der prunkvolle Marmoraltar mit neobyzantinischem Kreuz aufgestellt wurde. Zu seinen beiden Seiten standen Bänke für die Konfirmanden. Eine Ofenheizung sorgte im Winter für mehr Wärme. Dort, wo sich heute der Eingang des Gemeindezentrums befindet, wurde eine überdachte Eingangshalle angebaut. Sie diente als Windfang und nahm zugleich den Zugang zu den Emporen auf.
Gescheiterte Pläne
Nach Ende des Ersten Weltkriegs 1918 begann für Bad Schwalbach ein Jahrzehnt der Besatzung. Als die Truppen abzogen, herrschte in der Stadt Aufbruchstimmung. Die Kirchengemeinde plante, auf dem Nachbargrundstück ein großzügiges, modernes Wohlfahrts- und Gemeindezentrum zu errichten, das durch einen kleinen Garten mit der Kirche verbunden werden sollte.
Durch die Weltwirtschaftskrise zerschlugen sich die Pläne. Die Mittel reichten gerade noch für Verschönerungsarbeiten. 1931 wurde im Innenraum die Ausmalung übertüncht. Stattdessen zierten Schriftbänder die Wände: „Ehre sei Gott in der Höhe“ und „Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren“.
Neue Nüchternheit
In den 1950er-Jahren entschied die Kirchengemeinde, den Altarraum nüchterner zu gestalten. Die zwanzig Jahre zuvor angebrachten Spruchbänder wurden übermalt. Aus Symmetriegründen wurden auf der rechten Seite der Kanzel die Holzgitter ergänzt. Die alte Liedtafel und der Stern auf der Kanzel verschwanden, die Konfirmandenbänke wurden erneuert und das Lutherbild an die Seitenwand umgehängt. 1972 ersetzte ein schlichter Holzaltar den großen Marmoraltar. Im gleichen Jahr entfernte man auch alle Bänke aus dem Altarraum, um Platz für die neue Orgel zu schaffen.
»Kirche unter einem Dach«
Aus finanziellen und konzeptionellen Gründen fasste die Kirchengemeinde um die Jahrtausendwende den Entschluss, sich von nicht mehr benötigten Immobilien zu trennen. Stattdessen sollte ein neues Gemeindezentrum an die Reformationskirche angebaut werden. Ziel war es, in zentraler Lage eine vielfältig nutzbare Begegnungsstätte zu schaffen.
Die Baumaßnahmen veränderten bis 2005 das Innere und Äußere der Kirche grundlegend. Um Platz für das Gemeindezentrum zu bekommen, wurde der 1903 errichtete Windfang an der Westseite abgerissen. Der Zugang zur Kirche erfolgt nun über das Foyer des Anbaues. Das Kircheninnere wurde radikal umgestaltet. Alles Holzwerk verschwand, die Kanzel, die bisher in der Mitte des Altarraums hing, erhielt einen neuen Platz an der rechten Seitenwand. Eine mobile Bestuhlung ersetzte die Bankreihen und ermöglicht eine flexible Nutzung des Kirchenraumes.
Die im 19. Jh. als Orgelstand eingebaute zweite Empore wurde entfernt. Auf der vergrößerten ersten Empore entstanden weitere Sitzplätze mit freier Sicht auf den Altarbereich. Der Altarraum erhielt 2008 eine neue Ausstattung mit den Materialien Erde und Stahl nach Entwürfen der Künstlerin Madeleine Dietz.
Innenausstattung
Bis zum Beginn des 20. Jh. waren die Fenster einfach verglast. Die 1903 vorgesehenen drei bunten Glasfenster mit der Darstellung der Geburt, Kreuzigung und Auferstehung Christi konnten aus Geldmangel erst später eingebaut werden. Der Entwurf der Fenster stammte von dem Darmstädter Künstler Hans Müller-Hickler. Die verbleibenden vier Fenster erhielten 1974 eine Verglasung nach Entwürfen von Claus Kilian/Braunschweig. Sie zeigen in abstrakter Form die Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer.
Eine Orgel ist für die Reformationskirche erst 1817 erwähnt. Sie erhielt 1839 ein neues Werk, das die Firma Voigt/Karlsruhe einbaute. 1913 lieferte die bekannte Firma Walcker/Ludwigsburg das zweimanualige Werk für eine neue Orgel. Für den Prospekt übernahm die Firma den Entwurf des Architekten Ludwig
Hoffmann, der schon den Umbau der Kirche 1903 geleitet hatte.
In den 1950er-Jahren erfolgte ein Umbau des Instruments, da der weiche Klang der Walcker-Orgel als nicht mehr zeitgemäß empfunden wurde. Bereits in den 1960er-Jahren zeichnete sich ab, dass die neue Gebläseheizung große Schäden am Instrument verursachte. Daher beschloss die Kirchengemeinde 1972, durch die Firma Förster & Nicolaus/Lich eine neue Orgel im Altarraum bauen zu lassen. Das Gehäuse mit Teilen des alten Orgelwerks
blieb bis zum Umbau 2005 auf der Empore stehen und wurde dann verkauft.
Im Jahr 1868 malte Ludwig von Roessler (1842–1910) das Bild „Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms“ mit Ölfarbe auf Leinwand. Als Vorlage diente ein Stich von Lucas Cranach d. Ä. Das Gemälde ist ein Geschenk des Künstlers anlässlich der Konfirmation seines jüngeren Bruders Adalbert in Bad Schwalbach. Es hing bis 1972 im Altarraum.
Die Gedenktafel für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs wurde 1921 eingeweiht und hing ursprünglich an der nördlichen Außenwand. Die Tafel wurde 2005 auf die Wand hinter der Empore umgesetzt.
Die Andachtsecke mit der Möglichkeit, Kerzen abzustellen und Anliegen in ein Fürbittenbuch zu schreiben, wurde ebenfalls 2008 von Madeleine Dietz mit einem Tisch aus Stahl und Erde von den Grundstücken der Martin-Luther- und der Reformationskirche gestaltet.
Im Foyer befindet sich über dem Haupteingang als Halbrelief das Wappen des Landgrafen Carl von Hessen-Kassel (1670–1730), der die Genehmigung zum Bau der Kirche gab.