Patrick Leidinger

Odilienkirche Springen

Die Orgel der Odilienkirche stammt aus der Werkstatt des in Garbenheim bei Wetzlar geborenen Orgelbauers Johann Friedrich Macrander (1661-1741, seit 1705 in Frankfurt am Main ansässig). Macranders Tätigkeitsbereich erstreckte sich bis in die Pfalz sowie rheinaufwärts bis nach Basel. Das Instrument wurde um 1710 mit neun Manualregistern für die Cyriakuskirche Rödelheim (heute Frankfurt) erbaut. Im Zuge des wirtschaftlichen Booms nach dem Deutsch-Französischen Krieg ließ sich die dortige Gemeinde 1872 eine größere, geändertem Zeitgeschmack entsprechende Orgel errichten. Die alte wurde einer „armen Landgemeinde” zur Verfügung gestellt und 1872/73 nach Springen übertragen. Da auch das Weltkulturerbe Orgel geschmacklichen Schwankungen, ja Moden unterworfen ist, kam es in der Folgezeit zu mehreren Umbauten des Werks. 

Aus denkmalspflegerischer Sicht verlustreich waren dabei vor allem:

  • Umbauten durch Orgelbauer Eichhorn (1893/1915): u.a. Bau eines eigenständigen Pedalwerks, weitgehende Erneuerung der Tontrakturen, Eingriffe in Disposition wie Intonation und
  • Arbeiten von E. Breitmann (1968): u.a. Umbau der Manuallade, Erneuerung der Pedallade, Änderungen am Gehäuse, Neubau von Tontrakturen und Spielbereich, Neubau Winderzeugung, Neuordnung und Teilerneuerung des Pfeifenwerks, durchgreifende Änderung der Klanggestalt.

Bezüglich baulicher und klanglicher Substanz konnte seitdem nur begrenzt von einem Macranderschen Instrument gesprochen werden, sodaß die Restaurierung durch die Meisterwerkstätte für Orgelbau Rainer Müller (Merxheim; 2021-23) auch Rekonstruktionsanteile aufwies. Im Folgenden sind die Arbeiten an den Teilbereichen des Instruments kurz umrissen. Am Gehäuse wurde frontseitig der Spielbereich nach Resten von Holzverbindungen rekonstruiert, wobei Details anderer Orgeln von Macrander und Umfeld als Vorbild dienten. Sekundäre Bereiche wurden entfernt und substanzschonend durch der Bauzeit des Instruments entsprechende ersetzt.

Interessant der Hinweis von Orgelbaumeister Kristian Wegscheider (Dresden), derartige Gehäuse hätten oft bekrönendes Zierwerk besessen - bei anderenMacranderorgeln so vorgefunden, aber in Springen keine Spuren nachweisbar: vermutlich reichte die Orgel in Rödelheim bis an gotische Gewölberippen.

Die Manualwindlade, der Windverteilung nach Tönen und Registern dienend, bedurfte der umfassenden Restaurierung und des Ersetzens von Abweichungen durch Rekonstruktion gemäß zeitnahem Vorbild.

Die rohe, unpassende Pedallade von 1968 wurde durch einen Neubau Macranderscher Bauart ersetzt, in Eigenleistung von Mitarbeitern der Orgelbauwerkstatt über den Vertrag hinaus ausgelegt für zwei Register, von denen nur eines besetzt wird. Die Tontrakturen (Verbindungen zwischen Tasten und Ventilen), 1968 stilfremd und schwergängig erneuert, wurden nach Art des frühen 18. Jh. rekonstruiert. Zur Erleichterung gemeinsamen Musizierens mit modernen Instrumenten erhielt das Werk eine Transponiervorrichtung eigener Konstruktion, durch Umschaltung die Wahl zwischen historischer und heutiger Tonhöhe ermöglichend.

An der erhaltenen Schaltung der Manualregister (mit teils ungewöhnlicher Schiefstellung der Holzwellen) wurde die präzise Lagerung beweglicher Elemente wiederhergestellt. Die Register des Pedalwerks erhielten wie die Koppel eine neue Schaltung über drei Registerzüge der linken äußeren Reihe; der Windablaß - im Registertraktur im Unterbau 18.Jh. übliche Einrichtung zur rascheren Entleerung der Bälge - wird vom untersten Zug rechts bedient.

Im Speicher über der Orgel befindet sich seit 1873 die Balganlage. Die beiden Keilbälge, etwa zwei mal einen Meter im Außenmaß, werden nach aufwändiger Restaurierung nun wahlweise von einem elektrischen Gebläse oder aber, ähnlich wie bis 1968, über Hebel, Rollen und Seile mit Tretringen per Fußbetrieb bedient. Aus praktischen Gründen wurde die Tretvorrichtung an die offene Rückseite der Sakristei positioniert.

Aus Erstbestand (1710) waren seit 1968 ganze 16 der ursprünglichen 528 Pfeifen in Teilen erhalten; die Übrigen waren nach und nach ersetzt worden. Nach den ermittelten Erkenntnissen über Maße, Materialien und Bauart wurden die 512 fehlenden Pfeifen nach Bauart Macrander rekonstruiert, 16 verbliebene Pfeifen des Erbauers fachgerecht restauriert. Das Pedalwerk enthält nun 24 umgearbeitete Subbaßpfeifen (1996), sichtbar hinter der Orgel stehend; damit enthält die Springer Orgel insgesamt 552 Pfeifen.

Die Intonation (Klanggestaltung) als krönender Abschluß umfaßte die Bearbeitung jeder einzelnen Pfeife zur Festlegung von Klangfarbe, Lautstärke und Tonhöhe bei Berücksichtigung des Kirchenraums. Besonderes Augenmerk wurde auf ein Klanggefüge im Sinne des Erbauers, Abstimmung der Register aufeinander sowie künstlerische Vielseitigkeit gelegt.

Ergebnis ist ein ausdrucksstarkes Orgelwerk, von der Arbeit seines Erbauers zeugend. Die Stärke liegt neben gottesdienstlichen Aufgaben in angemessener Darstellung vorbarocker wie barocker Orgelliteratur; klangliche Vielseitigkeit ergibt sich aus gekonntem Gebrauch der Register. Da schon wenige Stimmen den Kirchenraum mit intensivem Klang füllen, ist eher auswählende als aufhäufende Registerwahl geboten.