© Hoffnungsgemeinde im Untertaunus

Im Mittelalter war die Odilienkirche Filiale der Katharinenkirche Kemel; nach der Reformation wurde die Kirchengemeinde selbständig. Wegen seiner drei Quellen hieß der Ort früher „Dreispringen“. Die Ansiedlung, 1107 erstmals urkundlich erwähnt, hatte Bedeutung als Rastplatz an der Straße von Kemel nach Lorch. Bekannt war auch das blaugefärbte Nassauer Leinen aus Springener Flachs, das man bis in Augsburg handelte.

Die Mauern der Wehrkirche stammen aus dem 12. oder 13. Jahrhundert. Das Gotteshaus war der heiligen Odilia geweiht, im Mittelalter auf Bergen und an Quellen verehrt. Odilia, Tochter eines elsässischen Herzogs, war blind geboren. Der Vater wollte das Kind töten lassen, die Mutter übergab es jedoch einem Kloster. Bei der Taufe durch einen fränkischen Missionsbischof soll Odilia ihr Augenlicht wiedererlangt haben. Als ihr Bruder später seine Schwester in die Familie zurückholen wollte, wurde er vom Vater erschlagen. Odilia musste fliehen und sah ihren Vater erst als alten, kranken Mann wieder. Auf Versöhnung bedacht, schenkte er seiner Tochter die Hohenburg bei Straßburg. Odilia errichtete dort ein Kloster, dessen erste Äbtissin sie war. Sie starb am 13. Dezember 720. Einer Quelle auf dem elsässischen Odilienberg sagte man bald Heilkräfte bei Augenleiden nach. So wurde Odilia nicht nur die Schutzpatronin des Elsass, sondern auch der Augenleidenden und der Blinden.

Zum Schutz der Dorfbewohner hatte die Odilienkirche zunächst nur eine kleine, schnell und sicher verschließbare Rundbogenpforte (Südseite); daneben eine runde Fensteröffnung, spärliches Licht auf den Altar werfend. Der spätgotische Chorraum hatte ursprünglich drei Fenster und soll die Jahreszahl 1528 getragen haben. Im Jahr zuvor war in Springen das lutherische Bekenntnis eingeführt worden. Die Kanzel (1600 ?) befand sich zunächst an der linken Seitenwand. Das Baujahr der Emporen ist nicht bekannt; belegt nur, dass die Nordempore die älteste ist. 

1605 wurde in Springen das reformierte Bekenntnis eingeführt, 1626 wieder das lutherische, wobei 1680 bis 1723 auch ein reformierter Pfarrer in Kemel ansässig war. Reformierter Einfluss zeigt sich in der Schmucklosigkeit des Kircheninnern.

1843, während der Amtszeit von Pfarrvikar Reber, erfuhr die Odilienkirche eine grundlegende Neugestaltung: der spätgotische Chorbogen wurde entfernt, die südliche Pforte zugemauert, stattdessen eine recht-eckige Tür in den Westgiebel gebrochen, dazu in die Südwand weitere unregelmäßige Fenster. Zudem erhielt die Kirche erstmals eine Orgel.

Bei einer weiteren umfassenden Erneuerung 1936 auf Initiative von Pfarrer Dr. Karl Hermann May wurden die unregelmäßigen Fenster durch die heutigen Rund-bogenfenster ersetzt. Außerdem wurde die Holzdecke – nach Entfernung eines Unterzugs auf achteckiger Stütze – verputzt. Während einer Renovierung 1970 erhielt die Kirche zudem einen Windfangvorbau.

Damals wurden auch, passend zur Kanzel, Taufständer und Lesepult gestaltet, dazu ein Altartuch zur Geschichte der heiligen Odilia durch den Würzburger Künstler Max Fritz. 

Zu sehen darauf Odilia (mit Äbtissinnenstab) neben unserer Kirche, Kranke und Arme zu Christus rufend. Sie hält eine Bibel mit geöffneten Augen. Die neutestamentliche Bezeichnung „Kinddes Lichts“ fasst die Geschichte ihres Lebens zusammen. Oben links ist die Hohenburg zu sehen, rechts Odilias Taufe. 

Im Rahmen der Dorferneuerung wurde die Odilienkirche 2003 letztmalig umfassend saniert, wobei u.a. das Dach neu eingedeckt, die Kirchturmuhr erneuert, der Wetterhahn instandgesetzt, die Fenster neu verglast und eine neue Heizung eingebaut wurde.

Im Altarraum kam mittelalterliche Wandmalerei zum Vorschein, die teilweise freigelegt wurden. Der Wandbehang im Altarraum von (Max Fritz, Kreuzigung und Abendmahl) wurde 2017 erworben.

Eine der zwei Glocken, 1594 gegossen nach 1945 nach Springen gelangt, befand sich ursprünglich in der evangelischen Kirche im heute polnischen Walsleben (Korytowo), ehemaliger pommerscher Landkreis Naugard, knapp 50 Kilometer östlich von Stettin. 

Während des Zweiten Weltkriegs wurden rund 90.000 Glocken für Rüstungszwecke beschlagnahmt und größtenteils eingeschmolzen. 15.000 lagerten bei Kriegsende noch auf sogenannten „Glockenfriedhöfen“. Sie konnten wieder in ihre Kirchtürme zurückkehren. Glocken aus den ehemaligen Ostgebieten wurden allerdings westdeutschen Kirchen als „Patenglocken“ überlassen, „leihweise“, wie es zunächst hieß. Bis vor wenigen Jahrzehnten war die Odilienkirche von einem Friedhof umgeben, dem „Totenhof“, sich entlang der heutigen Odilienstraße bis über das Gelände des ehemaligen Spritzenhauses erstreckend. 

Wertvollster Besitz der Odilienkirche ist die Barockorgel, 1710 geschaffen vom aus Garbenheim bei Wetzlar stammende Orgelbauer Johann Friedrich Macrander (1661-1741, seit 1705 in Frankfurt am Main ansässig). Sein Tätigkeitsbereich erstreckte sich bis in die Pfalz sowie rheinaufwärts bis nach Basel. 

Die Springener Orgel war mit neun Manualregistern ursprünglich für die Cyriakuskirche Rödelheim (heute Frankfurt) erbaut worden. Im Zuge des wirtschaftlichen Booms nach dem Deutsch-Französischen Krieg schaffte die dortige Gemeinde sich 1872 eine größere, dem geänderten Zeitgeschmack entsprechende Orgel an. Die „alte“ wurde, vermittelt durchs Gustav-Adolf-Werk, einer „armen“ Landgemeinde zur Verfügung gestellt. „Am 5. Dezember 1872 machten sich der Kirchenvorsteher Höhn mit seiner Fuhre und Herr Lehrer Fritz auf und brachten glücklich am 8. Dezember die Orgel nach Springen, wo sie vorläufig in der Kirche untergebracht wurde. Der Orgelstimmer Embach von Frauenstein wurde herbeigerufen und unter Mithilfe des Bürgermeisters Schneider und einiger anderer Männer gelang es, die Orgel aufzurichten. Am Sonntag Trinitatis (1873) wurde sie zum ersten Mal gespielt und vorher kurz eingeweiht. Die alte Orgel wurde an die katholische Gemeinde Obergladbach für 50 Gulden verkauft“, so die Pfarrchronik 1873. Die Orgel wurde seither mehrfach teils gravierend umgearbeitet. Eine denkmalsgerechte Restaurierung und Wiederherstellung folgte 2021-2023.

Die Macranderorgel bedurfte der grundlegenden Überarbeitung, teils einem Neubau gleichkommend. So waren 1968 wesentliche technische Bereiche wenig hochwertig erneuert bzw. umgebaut worden. Von Macrander waren 16 der ursprünglichen 528 Pfeifen erhalten (die Übrigen waren nach und nach ersetzt worden).

Die Restaurierung 2021-23 wurde ausgeführt durch die Meisterwerkstätte für Orgelbau Rainer Müller (Merxheim) mit dem Ziel der Wiedergewinnung des Zustands 1710 bei Berücksichtigung heutiger Musizierpraxis. Der Zerlegung des Instruments folgte die Untersuchung aller Teile hinsichtlich Herkunft und Zustand, dazu der Besuch demselben Erbauer zugeschriebener Orgeln. Es folgten in der Werkstatt die Überarbeitung erhaltener und die Rekonstruktion fehlender Teile:

  • grundlegende Restaurierung der Manualwindlade
    (gewissermaßen dem Herz der Orgel)
  • Neubau einer Pedallade nach Bauart Macrander
  • Restaurierung der erhaltenen Registerschaltung
  • Neubau von Tontrakturen und Klaviaturen
  • denkmalsgerechte Restaurierung des Gehäuses
  • Restaurierung/Wiederinbetriebnahme der Keilbälge,
  • über Tretringe zu bedienen rückseitig der Sakristei
  • Restaurierung 16 erhaltener und Rekonstruktion
    512 fehlenden Pfeifen nach Bauart Macrander
  • Überarbeitung der Pedalpfeifen (1990er Jahre)
  • Intonation (Klanggestaltung) der 552 Pfeifen im
    Sinne des Erbauers sowie künstlerischer Vielseitigkeit

Das Ergebnis ist ein ausdrucksstarkes Orgelwerk, Zeugnis ablegend von der Arbeit seines Erbauers.